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Sitt ʿAǧam – Eine Sufi-Theologin aus dem 13. Jh.

Wenn über Sufi Frauen gesprochen wird, dann kommt häufig als erstes der Name von Rābiʿa al-ʿAdawiyya vor und das, obwohl wenig über ihr Leben bekannt ist und obwohl wir keine Texte von ihr haben. Das einzige, das von ihr überliefert wurde, sind knappe Aussagen oder kurze Gedichte. Neben Rābiʿa gab es im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Sufi Frauen, die ihre Spuren in den Lehren der Sufis hinterließen. Allerdings erfahren wir von ihrem Einfluss oft nur durch biographische Hinweise von männlichen Gelehrten.

Eine der wenigen Ausnahmen bildet Sitt ʿAǧam, eine Sufi-Theologin aus dem 13. Jh., deren Werk im Gegensatz zu den anderen Sufi-Frauen erhalten blieb. Zu meinem großen Erstaunen kennt kaum jemand diese Frau, die in vielerlei Hinsichten besonders war.

Ihr vollständiger Name lautet Sitt ʿAǧam b. an-Nafīs b. Abī al-Qāsīm b. Ṭuraz al-Baġdādiyya. Sie kam, wie es ihr Beiname bezeugt, aus Bagdad. Leider wird sie in keinen der uns bekannten biographischen Werke erwähnt. Aber zum Glück sind zwei Werke von ihr erhalten, die mehrere biographische Hinweise beinhalten, anhand derer die Forscherin Suʿād al-Ḥākīm einen Grundriss ihrer Biographie rekonstruieren konnte.

Sitt ʿAǧam und ihr Mann Muhammed b. al-Ḫaṭīb hatten den gleichen Lehrer und zwar Faḫr ad-Dīn Ismāʿīl b. ʿIzz al-Quḍāt (gest. 1290). Laut ihr war ʿIzz al-Quḍāt der Freund des Richters Muḥyī ad-Dīn Yaḥyā b. Muḥammad b. az-Zakiyy al-Qurašī (gest. 1270), der wiederum ein Schüler von Ibn al-ʿArabī war. Was wir auch wissen, ist, dass ihr Lehrer noch am Leben war, als sie ihr Hauptwerk schrieb.

Wie sie selbst in ihrem Werk bestätigt, war sie des Schreibens und Lesens unkundig. Es war ihr Mann, der die Aufgabe hatte, das, was sie ihm diktierte, niederzuschreiben. Dazu sagt sie in ihrem Buch Kašf al-asrār: „Wenn Allah in mein Herz etwas eingibt, rufe ich ihn (ihren Mann) zu Hilfe, genauso wie es unter engen Freunden üblich ist und bitte ihn darum, das zu schreiben, was mir eingegeben wurde…Er war Muhammad, mein Cousin, und Herr meines Hauses.

In einer anderen Stelle schrieb sie: „Ich bin ein Laie, des Schreibens und Lesens unkundig, leer von jeglichem Wissen, außer dem Wissen über Allah, welches ich weder durch das Lernen, noch durch das Lesen von Büchern oder durch einen Gotteskenner erlangte. Es war eine reine Gabe von Gott, der mich in einer Nacht von der Unwissenheit zum Wissen führte. Er bekleidete mich mit dem Wissen, nachdem ich nackt von allem Wissen und Terminologien, die üblicherweise die Kommentatoren und Autoren benötigen, war.

Neben den Sitzungen bei ihrem Lehrer oder vielleicht bei anderen Lehrern und in denen sie bestimmt die Lehren der Sufis mündlich tradiert bekam, geht ihre Beziehung zu Ibn al-ʿArabī vor allem aus einer Vision, die sie erlebte, hervor. Darin sah sie ihn mit anderen Gottesfreunden und bat ihn um spirituelle Unterstützung. In der gleichen Vision bat Ibn al-ʿArabī sie, sein Buch al-Mašāhid zu kommentieren. Denn wie er ihr sagte: „es gehört zu den problematischsten Büchern“. In der Tat gehört das Buch Mašāhid al-asrār al-qudsiyya zu den komplizierten Büchern Ibn al-ʿArabīs, da es in einer sehr stark symbolischen und allegorischen Sprache verfasst wurde und viele subtile Hinweise auf Sufi Konzepte beinhaltet, ohne die die Entschlüsselung des Textes kaum möglich ist.

Sie hat dann in der Tat das Buch Ibn al-ʿArabīs ausführlich kommentiert. Neben diesem Hauptwerk schrieb sie noch zwei weitere Bücher, Kitāb al-ḫatm und Kašf al-kunūz. Das erste von den beiden hat uns leider nicht erreicht.

Sitt ʿAǧam bricht mit vielen Vorurteilen, wie z. B. dass weibliche Autoren früher eher zur Belletristik und Poesie neigten und dass das philosophische und abstrakte Denken den Männern vorbehalten war. In ihrem Kommentar zu Mašāhid al-asrār al-qudsiyya hinterließ Sitt ʿAǧam ein abgeschlossenes ontologisches und erkenntnistheoretisches System, wie wir es von späteren Theologen kennen. Sie hat nicht nur bloß erklärt, sondern oft fügte sie ihre Meinung ein und manchmal revidierte sie die Meinung von Ibn al-ʿArabī, indem sie andere Aspekte zeigte, die Ibn al-ʿArabī nicht erwähnte. Sie kritisierte auch viele verbreiteten Ansichten in ihrer Zeit und widersprach auch manchen zeitgenössischen Gelehrten. Neben Ibn al-ʿArabī zitierte sie eine Reihe von frühen Sufis, aber auch Ansichten von Philosophen.

Zu den Themen, die sie in ihrem Kommentar behandelte sind u. a. zu erwähnen:

  • Die Erkenntnislehre der Sufis
  • Die Symbolik der Welt als Spiegel
  • Kritik des Verstandes als Erkenntnismittel, wie es bei den Philosophen, Agnostikern, Spiritisten und Muʿtazilīten gehandhabt wurde
  • Der wuǧūd (Sein und Bewusstsein)
  • Die ontologische Bedeutung der göttlichen Namen
  • Das Sein und der perfekte Mensch (al-Insān al-kāmil)
  • Die Vielfalt und die Einheit
  • Die Schönheit in der Vielfalt
  • Die perpetuelle Manifestation

Diese und andere Themen behandelte Sitt ʿAǧam in einer präzisen Art und Weise und das nur ca. fünfzig Jahre nach dem Tod Ibn al-ʿArabīs, das heißt, bevor die wichtigsten Kommentare zu seinen Werken entstanden sind.

Die Lehren und das Werk Sitt ʿAǧam geben uns einen Einblick in die Theologie einer Frau, die aber heute kaum bekannt ist. Es zeigt auch, dass die Phase nach dem 13. Jh. noch nicht richtig untersucht wurde. Auf Ibnarabi.de werden demnächst Auszüge ihrer Texte erscheinen.

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Alle biographischen Elemente stammen aus der Einführung von Su’ad al-Hakim zur kritischen Edition von Sitt ʿAǧam, Bint an-Nafīs: Šarḥ al-mašāhid al-qudsiyya, Damaskus: ifpo 2004

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